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Wo Corona die Unternehmen behindert

Karin Breidbach


Die jüngsten Corona-Nachrichten sind erfreulich: Deutschlandweit sinken die Inzidenzwerte, immer mehr Einschränkungen des Alltagslebens werden gelockert. Abgehakt ist die Corona-Krise damit aber noch längst nicht. Dies gilt auch für die Wirtschaft, die bis heute auf verschiedenste Weise durch die Pandemie beeinträchtigt wird. Im Rahmen seiner Konjunkturumfrage hat das Institut der deutschen Wirtschaft von Ende März bis Mitte April 2021 die wichtigsten Risiken für die Geschäftsabläufe der Unternehmen in Deutschland erhoben. Besonders gravierend sind die Personalprobleme.


In 80 Prozent der befragten Unternehmen führt der Ausfall von Mitarbeitern – zum Beispiel aufgrund von Krankheit oder weil sie Angehörige betreuen müssen – zu Störungen der Geschäftsprozesse. Vor allem die Betriebe in der Industrie und im Baugewerbe sind davon stark betroffen. Ein ähnlich gewichtiger Störfaktor ist, dass die Unternehmen oft nicht wissen, wie es mit den Lockdown-Maßnahmen weitergeht und auf welche Öffnungsperspektiven sie sich einstellen können. Fast 40 Prozent aller Befragten fühlen sich hiervon stark beeinträchtigt. Dazu passt auch, dass viele Unternehmen über Risiken durch unsichere Standortbedingungen berichten. Dabei geht es unter anderem um zusätzliche Regulierungen der Arbeitsverhältnisse, wie eine Testpflicht am Arbeitsplatz oder das Recht auf Homeoffice.

Aktuell sehen 45 Prozent der vom IW befragten Verbände starke Lieferengpässe bei Vorleistungen aus dem Ausland, 43 Prozent berichten von starken Engpässen bei Vorleistungen aus dem Inland. Dass Vorleistungen aus dem In- oder Ausland fehlen, führt in ungefähr der Hälfte der Firmen dazu, dass die geschäftlichen Prozesse gestört werden. Starke Beeinträchtigungen melden nur etwa 15 Prozent. Dabei ist allerdings zu beachten, dass die Dienstleister deutlich weniger von Vorleistungslieferungen abhängig sind als das Baugewerbe und vor allem die Industrie.

Von den Industrieunternehmen sagen 21 Prozent, dass fehlende Vorleistungen aus dem Ausland ihre Geschäftsprozesse derzeit stark beeinträchtigen, Engpässe bei inländischen Lieferanten werden von 18 Prozent als erhebliche Störung bewertet. Vor diesem Hintergrund hat das IW im Mai dieses Jahres 23 Branchenverbände, für deren Unternehmen Vorleistungen eine hohe Bedeutung haben, nochmals gezielt nach Engpässen befragt. Schaut man auf jene Verbände, deren Unternehmen überhaupt von Lieferproblemen berichteten, ergibt sich folgendes Bil:

Aktuell sehen 45 Prozent der Verbände starke Lieferengpässe bei Vorleistungen aus dem Ausland, 43 Prozent berichten von starken Engpässen bei Vorleistungen aus dem Inland.
Zur letzteren Gruppe gehören beispielsweise die Automobil- und Kunststoffindustrie, die Textil- und Lederindustrie, aber auch das Baugewerbe sowie das Maler- und Lackiererhandwerk. Ein weiteres Drittel meldet mittelschwere Einschränkungen, darunter der Maschinen- und Anlagenbau.
Beim Blick auf die kommenden Monate fällt die Einschätzung der befragten Verbände zwar etwas besser aus, Entwarnung kann aber noch nicht gegeben werden.


Die Ursachen für die diagnostizierten Lieferprobleme sind vielfältig. So ist bei einigen Produkten – zum Beispiel bei Fahrrädern und bestimmten Gütern im Gesundheitsbereich – die Nachfrage im Zuge der Corona-Krise so stark gestiegen, dass die Vorleistungslieferanten kaum Schritt halten können. Generell haben sich der Welthandel und damit auch die Nachfrage nach deutschen Exportgütern nach dem Lockdown im Frühjahr 2020 überraschend schnell erholt, sodass teilweise immer noch ein Lieferstau besteht.
Hinzu kommt, dass der globale Warentransport nach wie vor unter der Corona-Pandemie leidet. Vor allem auf dem Seeweg von China nach Europa stockt der Warenverkehr, weil beispielsweise Container und zum Teil auch Schiffsbesatzungen fehlen.

Des Weiteren haben einige besondere Ereignisse zusätzlich Sand ins globale Liefergetriebe gestreut – etwa der Brand einer Halbleiterfabrik in Japan im März 2021 oder die zwischenzeitliche Blockade des Suezkanals durch einen festgefahrenen Frachter. Schließlich sollen sich chinesische Elektronikhersteller mit Halbleiterchips eingedeckt haben, um für mögliche Handelsbeschränkungen gewappnet zu sein.

Die Unternehmen in Deutschland haben coronabedingte Lieferengpässe so gut wie möglich abgefedert. Zum Teil konnten sie auf andere Zulieferer ausweichen. Und wenn es in der Schifffahrt hakt, lassen sich bestimmte Güter auch per Luftfracht beziehen. Doch überall dort, wo die Produktionskapazitäten nicht ausreichen, um eine höhere Nachfrage zu bedienen, ist eine kurzfristige Lösung des Problems nahezu ausgeschlossen.

Die Politik kann die Unternehmen immerhin unterstützen, indem sie dafür sorgt, dass die Grenzen für den Warenverkehr offen bleiben und die Funktionsfähigkeit des europäischen Binnenmarktes gewährleistet ist. Vor allem die zeitweiligen Engpässe bei medizinischen Gütern, die zur Bekämpfung der Pandemie benötigt werden, haben zudem gezeigt, dass die multilateralen Strukturen von Welthandels- und Weltgesundheitsorganisation weiterentwickelt werden müssen, um den freien Handel zu sichern.

Quelle: IW, Köln