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Der Arbeitsplatz als Infektionsherd?

Maschinenbau-/REFA-Techniker Stephan Wüst

Im Rahmen der Corona-Pandemie werden immer wieder Stimmen laut, die dem Arbeitsplatz ein besonders hohes Infektionsrisiko zuschreiben.

Doch ist das wirklich so?

Nach Datenlage des Betriebskrankenkassen-Dachverbands wurde der höchste Krankenstand der Pandemie im März 2020 erreicht. Dies war die Zeit, in der bei einem geringsten Verdacht auf eine Atemwegserkrankung eine telefonische Krankschreibung erfolgte. Ohne Testmöglichkeit und ohne Impfung war dies der sicherste Weg, um eine Weiterverbreitung des Virus zu vermeiden. In den nachfolgenden Monaten sank die Krankenquote wieder. Selbst in den Herbst- und Wintermonaten 2020 unterschied sich die Anzahl der Krankmeldungen gegenüber 2019 nicht. Es lässt sich vermuten, dass die überall gängigen Abstands- und Hygieneregeln ihren Teil beigetragen haben, doch auch der umsichtige Umgang der Arbeitgeber ist hervorzuheben.

Nach einer Befragung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) handeln die Unternehmen vorbildlich im Umgang mit den Corona-Schutzmaßnahmen im Betrieb. Für die Beschäftigten vor Ort wurden zahlreiche Sicherheitsmaßnahmen eingeführt. 81,5 Prozent, also mehr als vier von fünf Unternehmen, entwickelten spezifische betriebliche Regelungen, wie das Arbeiten in zeitversetzen Gruppen, die kontaktlose Schichtübergabe und das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes. In über der Hälfte aller Unternehmen werden die betrieblichen Abläufe stetig auf Anpassungsbedarf geprüft. Das ist wichtig, denn „aus Sicht des präventiven Arbeitsschutzes stellt zu viel Routine sehr leicht ein Einfallstor für Nachlässigkeiten dar. Darum sind die betrieblichen Maßnahmen zur Corona-Bekämpfung regelmäßig zu thematisieren und weiterzuentwickeln“, so Stephan Wüst, Arbeitswissenschaftler des Unternehmerverbandes vem.die arbeitgeber e.V. „Dabei hat sich beispielsweise der Einsatz von CO2-Messgeräten oder CO2-Timern und -Ampeln in der Praxis bewährt. Diese Geräte informieren über die Luftqualität im Raum, somit kann regelmäßiges Lüften nicht mehr in Vergessenheit geraten“, so Wüst weiter.

Auch Corona-Tests bieten eine Möglichkeit das Infektionsgeschehen am Arbeitsplatz zu kontrollieren. Viele Betriebe bieten bereits Corona-Tests an, die Anzahl steigt weiter. Die immer wieder diskutierte Einführung einer Angebotspflicht in den Unternehmen wäre widersinnig, da es den Beschäftigten freigestellt ist, sich testen zu lassen. Außerdem sind noch zahlreiche entscheidende Fragen der Umsetzung offen. Hinzu kommt, dass die Unternehmen bei der Belieferung schon lange bestellter Tests häufig immer wieder vertröstet werden. Wenn also nicht klar ist, wer wen wie testen und dies dokumentieren soll und überdies keine Tests geliefert werden, hilft der reine politische Aktionismus wenig bei der Bekämpfung der Pandemie.